The Tasteful Weekend | Glendronach, die enttäuschte Liebe

Glendronach – in einem Stadium meiner Whiskyreise, als es nicht mehr nur um um die obligatorische Flasche Lagavulin und einen netten Glenfarclas als offene Flaschen im Regal ging, wurde diese Distillery zur großen Entdeckung. Was für eine Geschichte: Billy Walker, der heldenhafte Befreier der Brennerei aus den gierigen Händen der Konzerne, der der vernchlässigten Distillery neues Leben einhaucht und aus der Massenware in fragwürdigen Fässern funkelnde Perlen reift. Allein die Namen der Whiskys: Revival, die Wiedergeburt, Allardice, der Gründer der Distillery, der die Whiskys direkt im Rotlichtviertel von Aberdeen verkauft, Parliament, benannt nach der Versammlung der Raben rund um die Brennerei. So geht Mythos, so entsteht Liebe. Und dann? Nur acht Jahre später folgt das eiskalte Ende aller Träume und die böse Königin vertreibt den Magier aus dem Reich seiner Fässer.

Eine gute Liebesgeschichte braucht immer auch die Enttäuschung, das Drama und die Sehnsucht nach dem Verlorenen, das selten so war, wie man es erinnert. Glendronach wird tatsächlich 1826 von James Allardice und anderen gegründet, landet 1960 bei William Teacher & Sons, die 1976 bei Allied Breweries, die durch weitere Übernahmen zu Allied Domecq wurden und schließlich im Jahr 2000 bei Pernod Ricard landeten. Aber da war Glendronach bereits seit 1996 geschlossen. 2002 wurde die Produktion wieder aufgenommen, 2005 von Direktbefeuerung auf Dampf umgestellt und dann kam das Jahr 2008 und der rettende Ritter erschien in funkelnder Uniform auf seinem Schimmel vor den Toren der Distillery, um sie aus den Fesseln des Konzern zu befreien.

In Wirklichkeit verkaufte Pernod Ricard eine Brennerei, mit der man zum damaligen Zeitpunkt wenig anfangen konnte, an eine Investorengruppe, die bereits vorher die Benriach Distillery erworben hatte. Zu denen gehörte Billy Walker, der nach der Übernahme begann, die Bestände zu sichten und auszuwerten, denn die Übernahme musste finanziert werden. Walker hatte ein Händchen dafür, die Lagerbestände durch Umlagerung in gute Fässer aufzuwerten und so entstand die legendäre Core Range mit einem 12jährigen Einstiegswhisky und dem Dreigestirn Revival mit 15 Jahren, Allardice mit 18 Jahren und Parliament mit 21 Jahren. Und weil die Brennerei zwischendurch geschlossen war, konnten die Nerds genaue Tabellen erstellen, welche Jahrgänge dieser Abfüllungen eigentlich aus viel älteren Whiskys bestanden. Damit begann für viele Whisky Anoraks eine große Liebesgeschichte.

Pennan, Aberdeenshire | © Klaus Bölling, www.boelling.de

Diese Liebesgeschichte konnte funktionieren, weil es wirklich herausragende Whiskys waren, Sherry-Nachreifungen, die die Unterschiede zwischen PX und Oloroso geschickt ausspielten, die ungefärbt, nicht kühlgefiltert und konzernunabhängig waren. Integre Whiskys eben, die viel mehr bieten konnten, als z. B. Glenfarclas aus x-fach wiederbefüllten Sherryfässern, bei denen allenfalls die Form noch an die ehemalige Befüllung erinnert. Und die Whiskys waren bezahlbar. 2016 – das ist gerade mal sieben Jahre her – konnte ich beim Holländer das Dreigestirn Revival, Allardice und Parliament im Angebot für zusammen 199 € kaufen. (An dieser Stelle muss ich das Schreiben unterbrechen und mehrere Stunden bitterlich weinen …).

Heute kostet allein der Allardice fast 180 € – Ende der Liebesgeschichte, Beginn des puren Hasses. Was ist geschehen? Romantik und die Realität des Kapitalismus sind aufeinander geprallt und damit endet die Liebe. 2016, gerade mal acht Jahre nach dem Revival, macht der amerikanische Spirituosengigant Brown-Forman den Investoren der Benriach Distillery Co. (Benriach, Glendronach und Glenglassaugh) ein Angebot, das diese nicht ablehnen wollen und unsere Lieblingsdistillery ist zurück in den Fängen eines Konzerns. Anstelle von Billy Walker wird Rachel Barrie Herrin der Fässer und damit Ziel des Hasses vieler Fans.

Pennan, Aberdeenshire | © Klaus Bölling, www.boelling.de

Natürlich hat ein Konzern wie Brown-Forman andere Interessen. Dort stellt man fest, dass die Fans Glendronach mit Macallan vergleichen, blickt nach Macallan, sagt ‚Aha‘ und erhöht die Preise. Vielleicht schraubt man auch an der Qualität der Fässer, vielleicht hatte aber auch Billy Walker die guten Fässer schon genutzt und die Lager geräubert – wer weiß. Und damit die Nerds wirklich wissen, woran sie nun sind, verschwindet das Qualitätsmerkmal un-chillfiltered, auch wenn man behauptet, dies weiterhin eigentlich nicht zu tun, aber manchmal sei es draußen ja auch kalt und dann bekomme man vielleicht rechtliche Probleme. Nachts ist es kälter als draußen, der übliche Konzern-Quatsch, für den wir unsere Lieblinge von Brown-Forman, Diageo, Pernod Ricard oder Beam-Suntory so tief in unsere Fanherzen geschlossen haben.

Ist der Whisky wirklich schlechter geworden? Objektiv vielleicht nicht – gefühlt auf alle Fälle. Aber allen, die nicht Teil der kurzen Liebesgeschichte geworden sind, wird es reichlich egal sein, ob Barrie, Billy oder wer auch immer die Signatur auf die Flaschen druckt. Glendronach 21 Parliament kostet im Herbst 2023 um die 250 €. Macallan 21 Fine Oak kostet satte 1.000 € mehr. Da geht also noch was.

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