Islay South Coast | 13 Jahre | "1816" Friends of ADOS

Lagavulin | First Fill PX Sherry Finish for 17 Months | 57,3%vol. | Brühler Whiskyhaus | 2021

Ok, die Zombie-Lady auf dem Etikett schaut etwas grimmig – aber das ist ja auch verständlich. Dies ist eine Abfüllung des Brühler Whiskyhauses, die in die Flasche musste, weil das Fass geleckt hat. South Islay? Bei Marco Bonn ist das meistens Lagavulin. Auf ihrer Kette hat die Lady daher auch die Jahreszahl 1816 eingraviert. Gefinisht wurde im 1st fill PX Sherry Cask für 17 Monate. Die Farbe ist trotzdem nicht zu dunkel, sondern zeigt einen schönen goldenen Ton. Das macht Hoffnung. Dann schauen wir doch mal, ob der grimmige Blick gerechtfertigt ist.

Nosing

Was für eine schöne Nase. Da mag die Lady noch so grimmig aus der Wäsche schauen – der Whisky ist warm und angenehm. Das ist der Islay- Rauch für den Sonntag. In der Tasse duftet der Earl Grey und im Glas daneben entfaltet sich dieser Rauch. Lagavulin verkörpert die gesetzte Rauchigkeit. Keine Frage, der Rauch ist kräftig und deutlich, ist typisch für Islay. Aber er ist nicht aufgeregt und medizinisch drängend, er ist relaxt und hat die süße Komponente des PX, die hier aber nicht klebrig aufdringlich, nicht hustensaftsüß, sondern aschig feinherb aus dem Glas steigt.

Dazu kommen getrocknete Birnen, Pfirsich und etwas Orangeat über einer Basisnote aus Vanille. Holz ist nicht spürbar, trotzdem ist der Whisky reif und ausgewogen mit einem Aroma von feinherber Trauben-Nuss-Schokolade.

Taste

Marco Bonn neigt zu krassen Labels. Aber irgendwie passt diese elegant mürrische Zombie-Dame zum Whisky, der eine morbide Eleganz zeigt. Da sind die schönen schokoladigen Aromen des Sherrys, die Trockenfrüchte, Rosinen, getrockneten Birnen und ein paar Datteln. Und da ist der Rauch, der verhindert, dass das alles zu harmonisch süß und klebrig wird, der warm und aschig ist und mit den herben Aromen des Fasses harmoniert.

Diese Lady zeigt Verfall und Verrottung, bewahrt dabei aber ihre Eleganz und den herben, holzigen Duft ihres Parfüms. Das ist schottischer Islay Adel.

Finish

Im Nachklang bleibt der Rauch, der aschig und trocken ist. Es bleibt aber auch eine alkoholische Note, die etwas Schärfe bringt und den Whisky interessant macht. Vor allem ist es aber der Rauch mit den Trockenfrüchten, der nicht aufgesetzt, sondern gut eingebunden und harmonisiert ist, ohne seine Kraft zu verlieren. Es bleibt auch eine nussige Schokolade.


Conclusion

Kann es sein, dass ein leckendes Fass ein Glück ist? Hätte Marco diesen Whisky gerne länger gefinisht, süßere Töne aus dem Fass extrahiert, mehr Farbe gewonnen? Es war ein Glück! Dieser Whisky ist lecker, er ist nicht nicht zu süß, hat nicht die klebrigen Aromen, die beim PX oft nerven.

Vielleicht ist dieser Whisky noch nicht fertig, vielleicht ist er noch nicht so, wie er als typischer ADOS-Whisky geplant war. Aber vielleicht ist gerade das der Moment, der ihn zu einem großartig leckeren Whisky macht.

90 Punkte

Lagavulin Distillery, Lagavulin Bay, Islay | © Klaus Bölling, www.boelling.de

Lagavulin​ Distillery

foundet: 1816
Owner: Diageo
Capacity: 2.600.000 litres

Quelle: Ingvar Ronde, Malt Whisky Yearbook 2021

Lagavulin ist e ine der großartigen Distillerys an Islays Südküste. Der Stil ist nicht so wild und maritim wie der der Nachbardestillen Laphroaig und Ardbeg. Es dominieren eher warm-aschige Rauchnoten.

Insbesondere der 16jährige Standardwhisky aus der Serie der Classic Malt gehört sicherlich zu den ersten Islay-Erfahrungen jedes Whsikygenießers und ist auch heute noch ein toller Whisky.

Schade, dass Lagavulin zu den typischen Konzernwhiskys von Diageo gehört …

Brühler Whiskyhaus

Das Brühler Whiskyhaus ist durchaus ein eigenständiger deutscher unabhängiger Abfüller. Marco Bonn hat eigene Fässer, die in Schottland lagern und die er individuell finisht und reift. Er ist also nicht nur auf Broker angewiesen, sondern kann auf eigenen Stock zurückgreifen. Das führt zu eigenständigen und interessanten Abfüllungen, die über eine verschworene Internet-Community schnell vergriffen sind und – sicherlich auch aufgrund der eigenständigen, manchmal provokativen Label – stark gehypt werden. Gute Abfüllungen!